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Corona

Gesundheitsämter: Lange ignorierte Krisenmanager




Impfung im Gesundheitsamt
epd-bild/Gustavo Alàbiso
Durch die Lockerungen der Corona-Auflagen kommt auf die Gesundheitsämter immer mehr Arbeit zu. Mit der derzeitigen Personalsituation lässt sie sich kaum bewältigen. Mit den neuen Beschlüssen der Bundesregierung soll sich die Situation verbessern.

Noch hat Frank Renken doppelt so viele Beschäftigte in der Gesundheitsüberwachung wie vor Corona: 40 statt 20, im April waren es zwischendurch auch mal 80. "Wir waren schon vor Corona ein eher besser ausgestattetes Gesundheitsamt", sagt der Leiter der Dortmunder Gesundheitsbehörde. Von je einem fünfköpfigen Team pro 20.000 Einwohner, auf das sich Bund und Länder zur Bekämpfung der Corona-Pandemie verständigt hatten, ist das Amt der rund 600.000-Einwohnerstadt dennoch weit entfernt.

Wie eigentlich alle 375 Gesundheitsämter in Deutschland, die jetzt bei der Bewältigung der Corona-Pandemie die "zentrale Rolle" innehaben, wie Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) betonte, als sie im April mit den Ministerpräsidenten die Phase der Lockerungen einleitete. Die kommunalen Gesundheitsämter sollen Infektionsherde aufspüren und begrenzen - indem sie die Kontaktpersonen akribisch nachverfolgen. Sie sind auch diejenigen, die jetzt die neuen Corona-Hygienekonzepte der vielen sich öffnenden Läden und Einrichtungen abstimmen und kontrollieren.

Noch immer fehlt Personal

"Wir sind zurzeit sehr weit von diesen Personalzahlen entfernt", sagt Ute Teichert, Vorsitzende des Bundesverbandes der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes. Geschätzte 17.000 bis 20.000 Beschäftigte gibt es in den Gesundheitsämtern - weniger als ein Prozent des Personals im gesamten Gesundheitswesen. Dass Teichert die Zahl nur schätzen kann, liegt daran, dass es seit den 1990er Jahren keine statistische Berichterstattung mehr zu diesem Bereich gibt. Auch das soll sich nach dem Willen der Koalition wieder ändern - und es soll eine Personalmindestausstattung definiert werden.

Zur Unterstützung der Ämter hat der Bund nach mehr als drei Monaten Pandemie-Arbeit jetzt auch Geld angekündigt, um "ausreichend Personal" für die kommenden fünf Jahre zu finanzieren. Bereits im März hatte das Robert Koch-Institut 500 Studentinnen und Studenten zu sogenannten Containment-Scouts geschult, die bundesweit bei der Recherche der Infektionsketten unterstützen. Sie sind willkommene Hilfen, aber "etwas anderes als Fachpersonal", sagt Teichert.

Viele Kurzzeitverträge laufen wieder aus

Es haben sich auch Tausende Freiwillige gemeldet: aus dem medizinischen Dienst der Krankenkassen, der Bundeswehr, aus anderen Ämtern der Stadt. "Die müssen nun aber zurück zu ihrer eigentlichen Arbeitsstelle", sagt die Ärztin. Auch die studentischen Scouts haben Kurzzeitverträge. "Ich wüsste nicht, wie mit dem derzeitigen Personal noch mehr Aufgaben bewältigt werden können", sagt Teichert.

"Sind wir wieder bei zehn Infektionsfällen am Tag, müssen wir das Personal wieder aufstocken", sagt Gesundheitsamtsleiter Frank Renken. "Die Leute haben heute ja wieder viel mehr soziale Kontakte als im April, da müssen dann schnell Hunderte Personen gefunden, kontaktiert und betreut werden."

Auch im Dortmunder Gesundheitsamt sind viele Helfer an ihre eigentlichen Arbeitsplätze zurückgekehrt. Die meisten kamen aus dem eigenen Amt und anderen Kommunalbehörden. "Viele Aufgaben des Gesundheitsamts wie Schuleingangsuntersuchungen oder Praxisbegehungen fielen ja wegen Corona aus." Und das Personal half im eigens aufgebauten Diagnosezentrum mit. "Alles Beschäftigte, die sich mit den Gegebenheiten vor Ort auskennen."

Aufstockung des Personals gefordert

Für Renken ist das ein Grund, warum die Infektionszahlen relativ niedrig blieben. Die Behörde sei an Grenzen gestoßen, sagt der Arzt, der sich selbst ansteckte und das Amt zwischendurch aus der Quarantäne leitete. "Sobald man einige Tage hinterher hängt mit dem Recherchieren der Kontakte, hat man bei einer Epidemie verloren."

Ohne eine dauerhafte Aufstockung des Personals geht es nicht, sagt Ute Teichert vom Bundesverband der Gesundheitsämter. Leicht zu finden ist das Personal nicht: Ärzte im Gesundheitsdienst verdienen im Monat rund 1.500 Euro brutto weniger als Ärzte in Kliniken. Hier soll sich nach den jüngsten Beschlüssen der Bundesregierung "zur leichteren Personalgewinnung" etwas ändern: Das Gehalt der Ärzte in den Ämtern soll mit den Tarifgehältern der Kliniken "mithalten können", heißt es im Koalitionsbeschluss.

Miriam Bunjes